Reinigungsritual für Körper und Seele
… Es ist still. Es ist feucht. Es spricht nur einer: Der Schamane. „Geht hinaus in die Vollmondnacht und kühlt Euch ab. Anschließend trinken wir.“ Die Kälte der Nacht tut gut. Nach 15 Minuten Pause versammeln sich alle im gelüfteten Zelt, und Old Feather verteilt Wasser in einer Schöpfkelle.
Vor dem Trinken spendet jeder ein paar Tropfen der Mutter Erde. Die beiden letzten Runden mit noch mehr glühenden Steinen sind intensiv, aber kürzer: Die Kriegerrunde, die Kraft und Stärke verleiht, und die Dankesrunde, in der die Geister entlassen werden. Danach: trinken, trinken, trinken.
Das Ritual ist anstrengend
Das indianische Schwitzhüttenritual ist körperlich anstrengender als ein Saunabesuch, da zwischen den Schwitzgängen keine Abkühlung mit kaltem Wasser erfolgt. Wer unsicher ist, sollte in der Nähe des Ausgangs sitzen, um bei Problemen das Zelt schneller verlassen zu können.
Das Zusammenspiel von starker Hitze, völliger Dunkelheit, fremden Tönen und mystischem Gesang wird häufig unterschätzt. Manche gelangen in einen physischen Grenzbereich, dessen Überwindung psychologisch zum Vorteil gereichen soll. Voraussetzung ist die Bereitschaft, sich darauf einzulassen. Wichtig ist jedoch, dass das Ritual von erfahrenen Personen und nicht von „Sonntags-Schamanen“ durchgeführt wird.
Ben Cloud zieht Jeans und T-Shirt an, setzt seine Brille wieder auf und wandelt sich vom Schamanen zum ganz normalen Bürger seines Reservates in Montana, der kürzlich bei der neuen Gesetzgebung mitgewirkt hat. Das zweistündige Ritual wird er in dieser Nacht noch zweimal wiederholen – mit jeweils anderen Männern und Frauen.
„Dabei gebe ich alles, was ich habe: mich selbst, meine Energie, meine Kraft und meine Stärke“, sagt der 46-jährige Krähen-Indianer mit den langen schwarzen Haaren und dem wettergegerbten Gesicht und zündet sich entspannt eine Marlboro an. Es ist kühl. Es ist klar. Es schweigt der Schamane.
Indianische Riten
Der 46-jährige Ben Cloud vom Stamm der Crow (Krähen-Indianer) ist Sonnentanzhäuptling und spiritueller Führer seines Stammes in Montana sowie Abgeordneter des Arrow Creek Districts im Parlament seines Volkes. Sein Großvater, Thomas Medicine Horse, hatte ihn seit frühester Kindheit Spiritualität gelehrt und erwählte ihn 1999 zum Hüter des heiligen Sonnentanz-Medizinbündels.
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